Die Corona-Pandemie hat Biotechunternehmen und vor allem ihre Impfstoffforschungen von einem Moment auf den nächsten ins Blickfeld gerückt und großes Interesse geweckt. Zuvor fristeten viele dieser Gesellschaften in der öffentlichen Wahrnehmung und unter deutschen Investoren eher ein Schattendasein. Spätestens aber als CureVac im August 2020 für den Börsengang die amerikanische Technologiebörse Nasdaq wählte und BioNTech damit ein knappes Jahr später nachfolgte, war das Aufsehen groß und Kritik zu vernehmen, dass ein mit deutschen Staatsgeldern gefördertes Unternehmen nicht an die Heimatbörse gegangen sei.

Doch ein Börsengang ist keine Frage des Nationalstolzes. Vielmehr geht es darum, Kapital zu mobilisieren, um den nächsten Wachstumsschritt zu schaffen und die besten Rahmen- und Finanzierungsbedingungen wahrzunehmen. Dies sagt das Deutsche Aktieninstitut (DAI). Die Entscheidung deutscher Biotechnologie-Gesellschaften für amerikanische Börsen sei letztlich ein Armutszeugnis für den Finanzierungsstandort Deutschland.

Auf ausländische Investoren angewiesen

„Deutschland ist mit Blick auf die Finanzierung junger Wachstumsunternehmen ein Entwicklungsland“, sagte Christine Bortenlänger, Vorständin des Deutschen Aktieninstituts am Mittwoch in Frankfurt.Vor allem Unternehmen mit spezialisiertem Geschäftsmodell und hohem Finanzierungsbedarf seien auf ausländische Investoren angewiesen. Wenn innovative Wachstumswerte in Deutschland gehalten werden sollen, müsse die Politik nun energisch gegensteuern, denn ein leistungsfähiges Ökosystem Kapitalmarkt entstehe nicht über Nacht.

Christof Hettich, Partner der Wirtschaftskanzlei Ritterhaus, fordert bessere rechtliche Rahmenbedingungen, damit sich innovative Unternehmen Wachstumskapital auch mit einen Börsengang am deutschen Aktienmarkt besorgen könnten. So sollte etwa das Aktienrecht geöffnet werden, damit Gesellschaften vom eingeschränkten Ausschluss des Bezugsrechts oder dem Verbot des Mehrfachstimmrechts abweichen könnten.

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Das Aktieninstitut ist gemeinsam mit der Kanzlei Ritterhaus der Frage nachgegangen, warum sich so viele deutsche Biotechnologie- und andere Wachstumsunternehmen für einen Börsengang in Amerika entscheiden und sich das für Forschung und Entwicklung ihrer Produkte notwendige Geld nicht in Deutschland besorgen. Damit haben sie auch nach Gründen gesucht, warum Deutschland im Vergleich zu anderen Industrienationen über so wenig Börsengänge von Wachstumsunternehmen verfügt, und was dies für die deutsche Volkswirtschaft bedeutet. Hierfür wurden unter anderem Gespräche geführt mit Vertretern junger Wachstumsunternehmen mit einer Börsennotiz im Ausland und Kapitalmarktexperten. Befragt wurden etwa BioNTech, Biofrontera, CureVac, Delivery Hero, Software AG und Trivago.

Laut dieser Analyse gibt es in Deutschland zu wenige finanzstarke Kapitalgeber, die das Wachstumspotenzial von Börsenkandidaten etwa aus dem Biotechnologiebereich einschätzen können. Zudem konzentrierten sich Emissionsbanken und Analysten weitgehend auf größere Unternehmen, da sich bei kleineren Börsengängen der Aufwand nicht lohne. Auch mehr Bewusstsein hin zu einer Chancenkultur müsse es hier geben. Denn nicht jede gute Idee wird ein Erfolg.

Aktien für die Altersvorsorge

Nach den Ergebnissen der Studie wäre ein ganzes Paket aus Maßnahmen sinnvoll, um Wachstumsunternehmen aus kapitalintensiven Zukunftsbranchen den Zugang zu ausreichend Kapital zu erleichtern und den deutschen Kapitalmarkt zu stärken. Eine Empfehlung zielt auf die Altersvorsorge und ein Ansparverfahren mit Aktien auch in Deutschland ab. Andere Länder, wie Schweden oder Amerika zeigten, dass Menschen im Alter davon profitierten und finanzstarke Pensionsfonds in diesen Ländern zudem dafür sorgten, dass die Entwicklung von Wachstumsunternehmen und Börsengängen einen nachhaltigen Schub erhalte, heißt es. Um Aktien für die Altersvorsorge und den Vermögensaufbau noch attraktiver zu machen, müssten auch die steuerlichen Rahmenbedingungen verbessert werden. Wichtig sei etwa die Wiedereinführung der Steuerfreiheit von Veräußerungsgewinnen bei Aktien nach einem Jahr, wie sie für Bitcoins und Gold gelte. Dies wäre der Zustand vor
Einführung der Abgeltungsteuer im Jahr 2009. Veräußerungsgewinne waren damals nach
einer Frist von einem Jahr steuerfrei.

Dringender Reformbedarf besteht demnach auch im deutschen Aktienrecht, das nicht auf die Bedürfnisse von Wachstumswerten zugeschnitten sei. So flüchten viele deutsche Unternehmen etwa ins niederländische Recht, das mehr Flexibilität für den Bezugsrechtsausschluss und die Höhe des genehmigten Kapitals biete. Zudem sei es angesichts der vielen Kapitalmarktpflichten, die ein Gang an die Börse mit sich bringe, angemessen, jungen Wachstumsunternehmen wie in Amerika eine mehrjährige Eingewöhnungsphase zu gewähren, in der diese nur einen Teil dieser Pflichten erfüllen müssten.

Über den Börsenerfolg von BioNTech & Co. können sich Anleger bisher jedenfalls freuen. Nach einem Ausgabepreis von 14,95 Dollar kosten die BioNTech-Aktien aktuell rund 208 Dollar. Und selbst die Titel von CureVac liegen mit etwa 55 Dollar deutlich über dem Ausgabepreis von 16 Dollar je Aktie, obwohl die Studien zum Erfolg des Impfstoffs zuletzt enttäuscht haben.

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